Nächster Teil – Die Schwiegermutter Stiess Ihre Schwangere Schwiegertochter Gegen Den Steintisch Einer Keramikwerkstatt Und Zerschlug Die Vase, Die Sie Gerade Selbst Bemalt Hatte, Weil Sie Nicht Würdig Sei, Ein Kind Mit Ihrem Familiennamen Zu Tragen — Doch Als Die Glasur Vor Allen Augen Aufriss, Verstummte Die Ganze Werkstatt.
Kapitel 1 — Der zerbrochene Stolz
Zwei Stunden zuvor war die Welt in der Porzellanmanufaktur Von Seybold noch in ihrer gewohnten, strengen Ordnung gewesen. Clara betrat die große Werkstatthalle durch den Hintereingang, wie sie es jeden Morgen tat. Die Luft hier roch nach feuchtem Kaolin, nach Gips und nach der leichten, metallischen Schärfe der Farben. Es war ein Geruch, den Clara liebte. Er bedeutete Heimat. Er bedeutete Sicherheit.
Sie band sich die schwere, ledrige Schürze um, wobei sie den Knoten vorsichtig unterhalb ihres runden Bauches platzierte. Im siebten Monat schwanger zu sein, machte das Stehen an der Werkbank nicht einfacher, aber Clara weigerte sich, zu Hause zu bleiben. „Zu Hause“ bedeutete die kalte, riesige Villa der Familie Von Seybold am Rande von Meißen. Seit ihr Ehemann Lukas vor drei Monaten bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, fühlte sich die Villa an wie ein Gefängnis.
Ihre Schwiegermutter, Eleonore, hatte keine Zeit verstreichen lassen. Schon am Tag nach der Beerdigung hatte sie Clara aus dem Hauptschlafzimmer werfen lassen. „Das Zimmer wird renoviert“, hatte sie kühl erklärt. Clara war in das kleine Gästezimmer im Nordflügel verbannt worden. Ihr Schlüssel für das Haupthaus wurde „verlegt“. Die Botschaft war unmissverständlich: Du bist hier nur geduldet. Und nicht mehr lange.
Clara fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schob eine widerspenstige braune Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie trat an ihren Arbeitsplatz. Dort, in der Mitte des massiven Marmortisches, stand sie. Die Vase. Es war ein gewaltiges Stück, klassisch in der Form, aber modern in der Bemalung. Lukas hatte das Design noch selbst entworfen. Clara war nun dabei, das feine Zwiebelmuster mit ruhiger Hand aufzutragen.
Doch die Vase war mehr als nur ein Kunstwerk. Clara strich sanft über den bauchigen unteren Teil des Gefäßes. Ihr Herz klopfte schneller, als sie an das dachte, was im Inneren des doppelten Bodens lag. Sie hatte die Konstruktion heimlich in den Nachtstunden gefertigt, als niemand in der Werkstatt war. Das Kupferröhrchen war sicher eingeschlossen. Heute sollte die Vase glasiert und am Nachmittag in den großen Brennofen geschoben werden. Wenn das geschah, wäre das Röhrchen für immer von einer undurchdringlichen Schicht aus bei 1400 Grad Celsius gehärtetem Porzellan umschlossen. Sicher vor Eleonores gierigen Händen.
„Guten Morgen, Clara.“
Clara schreckte leicht aus ihren Gedanken auf. Meister Hoffmann, der älteste und erfahrenste Töpfermeister der Manufaktur, stand neben ihr. Er trug seine übliche Brille mit dem dicken schwarzen Gestell und wischte sich die Hände an einem Lappen ab. Sein Blick war besorgt, als er auf ihren Bauch sah.
„Guten Morgen, Meister Hoffmann“, antwortete Clara und bemühte sich um ein Lächeln.
„Sie sehen müde aus“, brummte er. Seine Stimme war leise, fast verschwörerisch. „Sie sollten sich schonen. Für das Kind. Lukas hätte nicht gewollt, dass Sie sich hier kaputtarbeiten.“
„Die Arbeit lenkt mich ab“, sagte Clara leise und griff nach ihrem Pinsel. „Außerdem ist das hier Lukas’ letztes Projekt. Ich muss es beenden. Ich habe es ihm versprochen.“
Hoffmann nickte schwerfällig. Er sah sich kurz in der Halle um, in der die anderen Gesellen schweigend ihrer Arbeit nachgingen. Die Atmosphäre war seit Wochen angespannt. „Heute wird ein schwieriger Tag, Clara. Dr. Weber kommt von der Kanzlei. Es geht um die Inventur. Frau Von Seybold will die Überschreibung der Geschäftsanteile vorbereiten. Sie… sie will vollendete Tatsachen schaffen.“
Claras Finger krampften sich um den dünnen Holzstiel des Pinsels. „Sie kann die Anteile nicht einfach übernehmen. Die Manufaktur gehörte Lukas. Wir waren verheiratet. Mein Kind ist der direkte Erbe.“
„Recht und Gerechtigkeit sind in dieser Familie zweierlei Dinge, Clara“, flüsterte Hoffmann eindringlich. „Frau Von Seybold hat bereits die Anwälte eingeschaltet. Sie behauptet, Lukas habe die Firma vor seinem Tod in eine Stiftung überführen wollen, unter ihrer Kontrolle. Sie sollten vorsichtig sein. Legen Sie sich heute nicht mit ihr an.“
Bevor Clara antworten konnte, öffneten sich die großen, schweren Eichentüren am vorderen Ende der Werkstatt. Ein spürbarer, eisiger Luftzug schien durch den Raum zu wehen. Das leise Murmeln der Angestellten erstarb augenblicklich.
Eleonore von Seybold betrat den Raum.
Sie trug wie immer dunkle, teure Kleidung, die ihre aristokratische Haltung betonte. Jeder ihrer Schritte wurde vom rhythmischen, harten Klicken ihres Gehstocks mit dem Silberknauf begleitet. Klack. Klack. Klack. Es war das Geräusch absoluter Kontrolle. Hinter ihr traten zwei Männer ein. Einer von ihnen war ein Anzugträger aus der Buchhaltung, der andere war Notar Dr. Weber. Der Notar, ein Mann Mitte fünfzig mit streng zurückgekämmtem Haar und einer schwarzen Aktentasche, blickte sich mit sachlicher Distanz um.
„Meister Hoffmann!“, rief Eleonore durch die Halle. Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. „Sammeln Sie die Bestandslisten. Dr. Weber wird heute jeden Winkel prüfen. Ich will, dass die Bewertung der Rohmaterialien bis heute Abend auf meinem Schreibtisch liegt.“
„Jawohl, Frau Von Seybold“, antwortete Hoffmann. Er senkte den Kopf und eilte davon.
Eleonore schritt langsam durch den Mittelgang der Werkstatt. Ihr Blick glitt prüfend über die Arbeitsplätze, über die Werkzeuge, über die fertigen Porzellanstücke auf den Regalen. Nichts schien ihren hohen Ansprüchen zu genügen. Sie ließ den Blick absichtlich lange auf einigen jüngeren Gesellen ruhen, bis diese nervös die Augen niederschlugen. Es war ein Machtspiel, das sie meisterhaft beherrschte.
Dann blieb sie stehen. Ihr Blick fiel auf Clara.
Das rhythmische Klicken des Gehstocks setzte sich wieder in Bewegung und kam direkt auf Claras Arbeitsplatz zu. Clara spürte, wie ihr Herzschlag in ihren Ohren hämmerte. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, tunkte den Pinsel in die blaue Farbe und setzte ihn auf das Porzellan.
Eleonore blieb auf der anderen Seite des Marmortisches stehen. Sie sagte minutenlang nichts. Sie starrte nur. Sie starrte auf Claras vom Ton beschmutzte Hände, auf die einfache Schürze und schließlich, mit unverhohlenem Abscheu, auf den runden Bauch.
„Was tust du hier?“, fragte Eleonore schließlich. Die Frage klang wie eine Beleidigung.
„Ich arbeite“, antwortete Clara ruhig, ohne den Blick vom Porzellan zu heben. „Die Sonderbestellung für die Ausstellung in Berlin muss diese Woche in den Ofen.“
„Ich habe dir gestern Abend in der Villa sehr deutlich gemacht, dass deine Anwesenheit hier nicht mehr erwünscht ist“, sagte Eleonore, und ihre Stimme nahm einen scharfen, schneidenden Ton an. „Dies ist ein traditionsreicher Familienbetrieb. Kein Zufluchtsort für traumatisierte, einfache Töpferinnen, die glauben, sie hätten durch eine übereilte Hochzeit einen Status erworben.“
Clara legte den Pinsel langsam ab. Sie hob den Kopf und sah ihrer Schwiegermutter direkt in die Augen. „Ich bin keine einfache Töpferin, Eleonore. Ich bin Lukas’ Ehefrau. Ich bin Teil dieser Familie.“
Ein spöttisches, trockenes Lachen entwich Eleonores Lippen. „Teil dieser Familie? Mach dich nicht lächerlich, Mädchen. Du bist eine Bauerntochter, die meinem Sohn schöne Augen gemacht hat. Ein peinlicher Fehltritt. Lukas hatte ein weiches Herz, das war sein einziger Fehler. Aber Lukas ist nicht mehr da, um dich vor der Realität zu beschützen.“
„Frau Von Seybold, bitte“, mischte sich Dr. Weber ein, der in der Zwischenzeit an den Nachbartisch getreten war und Akten studierte. „Wir sollten die familiären Differenzen nicht während der offiziellen Inventaraufnahme klären.“
„Das hier ist mein Haus, Dr. Weber, und mein Unternehmen“, blaffte Eleonore, ohne den Blick von Clara abzuwenden. „Und ich bestimme, wer hier arbeitet und wer nicht.“ Sie stützte sich schwer auf ihren Gehstock und beugte sich leicht über den Tisch. „Pack deine Sachen, Clara. Du wirst diese Manufaktur sofort verlassen. Dein Vertrag ist mit Lukas’ Tod hinfällig geworden.“
Claras Hände zitterten. Sie ballte sie unter der Schürze zu Fäusten. „Sie haben nicht das Recht, mich hinauszuwerfen. Das Grundbuch… das Testament…“
„Das Testament?“, unterbrach Eleonore sie mit beißendem Hohn. „Welches Testament? Es gibt keines. Mein Sohn ist ohne Letzten Willen aus dem Leben geschieden. Und nach den Regeln unserer Familie fällt die Geschäftsführung damit automatisch an mich zurück. Dein Name taucht nirgendwo auf. Du besitzt hier nichts. Nicht den Staub auf dem Boden.“
„Das Kind…“, begann Clara und legte schützend eine Hand auf ihren Bauch. „Dieses Kind ist der direkte Nachkomme. Es hat Rechte.“
Eleonores Gesicht verhärtete sich noch mehr. Ein gefährliches Funkeln trat in ihre Augen. „Lass das Kind aus dem Spiel. Wenn du klug wärst, würdest du still verschwinden. Ich habe bereits mit meinen Anwälten gesprochen. Wenn du darauf bestehst, einen Rechtsstreit anzufangen, werde ich das Jugendamt einschalten.“
Clara riss die Augen auf. „Was sagen Sie da?“
„Du hast seit dem Unfall schwere psychische Probleme. Du bist depressiv, instabil und offensichtlich wahnhaft, wenn du glaubst, du hättest hier irgendwelche Rechte.“ Eleonore sprach die Worte mit einer erschreckenden Kälte aus. „Glaubst du im Ernst, ein deutsches Gericht wird einer mittellosen, geistig labilen Witwe das Sorgerecht für den Erben der Von Seybolds überlassen? Ich werde dafür sorgen, dass dir das Kind direkt nach der Geburt weggenommen wird. Ich werde dich in eine Klinik einweisen lassen, wenn es sein muss.“
Die Luft in der Werkstatt war zum Zerreißen gespannt. Mehrere Angestellte hatten ihre Arbeit komplett eingestellt. Meister Hoffmann machte einen halben Schritt auf die beiden Frauen zu, hielt dann aber inne. Die Angst um seine eigene Pension, um seinen Arbeitsplatz, fesselte ihn. Eleonore herrschte durch Angst, und die Angst funktionierte perfekt.
„Sie sind ein Monster“, flüsterte Clara. Tränen brannten in ihren Augen, aber sie weigerte sich, vor dieser Frau zu weinen.
„Nein, meine Liebe“, erwiderte Eleonore leise. „Ich bin eine Von Seybold. Und ich bereinige die Fehler meines Sohnes. Nimm deine Schürze ab.“
„Nein.“ Claras Stimme war plötzlich fester. Sie stellte sich aufrecht hin, auch wenn ihr Rücken schmerzte. „Ich werde nicht gehen. Und ich werde meine Arbeit beenden.“ Sie drehte sich wieder zu der Vase auf dem Marmortisch um und wollte nach dem Pinsel greifen.
Es geschah in Sekundenschnelle.
Eleonores Gesichtsausdruck wandelte sich von kalter Arroganz zu unkontrollierter Wut. Niemand widersetzte sich ihr. Niemals. „Wie wagst du es, mir den Rücken zuzudrehen!“, zischte sie.
Ihre Hand schoss vor. Sie packte Clara grob an der Schulter und riss sie herum. Clara verlor das Gleichgewicht. Ihre Gummisohlen rutschten auf dem staubigen Steinboden ab. Mit einem erstickten Schrei fiel sie rückwärts. Sie versuchte instinktiv, ihren Bauch zu schützen und warf den linken Arm nach hinten.
Sie prallte mit voller Wucht gegen die harte Kante des massiven Marmortisches.
Ein dumpfer Aufprall ertönte, gefolgt von Claras aufschreiendem Keuchen. Sie rutschte an der Tischkante ab und stürzte hart auf den kalten Steinboden. Schmerz explodierte in ihrer Schulter und zog sich wie Feuer durch ihren unteren Rücken. Sie lag da, nach Luft schnappend, die Hände krampfhaft um ihren Bauch geschlungen.
Ein kollektives Keuchen ging durch die Werkstatt.
„Clara!“, rief Meister Hoffmann entsetzt und rannte los.
„Stehenbleiben, Hoffmann!“, brüllte Eleonore. Ihre Stimme war nun so laut und schrill, dass sie von den hohen Wänden widerhallte. Sie schwang ihren Gehstock und knallte die silberne Spitze hart auf den Steinboden. „Wer auch nur einen Finger rührt, um ihr zu helfen, ist fristlos entlassen! Haben Sie mich verstanden? Fristlos!“
Meister Hoffmann erstarrte mitten in der Bewegung. Seine Hände zitterten, sein Gesicht war blass, doch er blieb stehen. Er senkte den Kopf. Die anderen Arbeiter sahen weg. Die Macht der Matriarchin war absolut. Niemand wollte riskieren, seine Familie nicht mehr ernähren zu können. Das Schweigen der Umstehenden war für Clara schmerzhafter als der Aufprall selbst. Sie war völlig allein.
Eleonore blickte auf Clara herab, die sich auf dem Boden krümmte und leise stöhnte. Kein Funken Mitleid war in dem Gesicht der älteren Frau zu erkennen. Nur kalter, triumphierender Ekel.
„Seht sie euch an“, rief Eleonore in den Raum hinein, als hielte sie eine Rede. „Das ist das Niveau, auf das diese Familie herabgezogen wurde. Erbärmlich. Schwach.“
Dann drehte Eleonore sich zu dem Marmortisch um. Ihr Blick fiel auf die halb fertig bemalte Vase. Das Meisterstück. Das letzte Projekt ihres Sohnes, das Clara mit so viel Liebe vollendet hatte.
„Und was das hier angeht“, sagte Eleonore verächtlich. Sie legte ihren Gehstock an die Tischkante und griff mit beiden Händen nach dem schweren Porzellangefäß.
„Nein!“, schrie Clara auf. Der Schmerz in ihrer Schulter wurde plötzlich unwichtig. Panik stieg in ihr auf, kalt und erstickend. Nicht wegen der Kunst. Wegen dem, was im doppelten Boden versteckt war. „Eleonore, bitte! Tun Sie das nicht! Bitte!“
„In meiner Manufaktur gibt es keinen Platz für den Müll einer Anfängerin“, sagte Eleonore kalt. Sie hob die schwere Vase an.
Clara versuchte, sich aufzurichten, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. „Lukas hat das Design entworfen! Bitte, es ist das Einzige, was mir noch von ihm bleibt!“
„Lukas ist tot!“, schrie Eleonore zurück.
Mit einer fließenden, brutalen Bewegung warf sie die Vase auf den Steinboden.
Das Geräusch von zersplitterndem Meissener Porzellan hallte durch die traditionsreiche Werkstatt wie ein scharfer Peitschenschlag. Die wunderschöne, kobaltblau bemalte Oberfläche zersprang in hunderte messerscharfe Teile. Staub wirbelte in der Luft auf. Das Kunstwerk war unwiederbringlich zerstört.
Clara schloss die Augen und ließ den Kopf auf den kühlen Steinboden sinken. Es war vorbei. Sie hatte versagt.
Eleonore stand schnaufend da, die Hände in die Seiten gestützt, und starrte auf die Trümmer. Ein grausames Lächeln der Befriedigung lag auf ihren Lippen. Sie hatte gewonnen. Sie hatte den Willen der jungen Frau endgültig gebrochen.
Doch dann hörte sie es.
Zwischen dem Klirren der noch auspendelnden Scherben gab es ein anderes Geräusch. Ein helles, metallisches Klonk.
Eleonore runzelte die Stirn. Etwas Schweres war beim Aufprall aus der Konstruktion des massiven Bodens der Vase herausgebrochen. Es rollte über den glatten Stein, zog eine feine Spur durch den weißen Kaolinstaub und kam schließlich genau neben der Fußspitze von Eleonores linkem Schuh zum Liegen.
Es war ein kleines, etwa fünfzehn Zentimeter langes Röhrchen aus angelaufenem Kupfer. An einem Ende war es fest verschlossen, am anderen Ende befand sich ein dicker, unversehrter Klecks aus dunkelrotem Wachs.
Eleonore starrte auf den Gegenstand. Die Befriedigung wich aus ihrem Gesicht und machte einer verwirrten Irritation Platz. Was war das? Hatte dieses dumme Mädchen heimlich Materialien gestohlen und in der Vase versteckt?
„Was für ein lächerliches Schauspiel“, murmelte Eleonore abfällig. Sie hob ihren Schuh, bereit, mit ihrem harten Lederabsatz auf das Röhrchen zu treten und es entweder zu zerquetschen oder quer durch den Raum zu kicken.
Ein Stuhl quietschte laut auf dem Steinboden.
„Frau Von Seybold! Ich rate Ihnen dringend, den Fuß zurückzunehmen.“
Die Stimme schnitt durch die angespannte Stille wie ein Skalpell. Es war Notar Dr. Weber. Er hatte seine Inventarliste auf den Tisch fallen lassen. Sein Gesicht, das zuvor die neutrale, desinteressierte Maske eines Bürokraten getragen hatte, war nun extrem angespannt. Er trat mit schnellen, zielstrebigen Schritten um den Tisch herum und stellte sich direkt vor Eleonore.
Eleonore hielt ihren Fuß in der Luft, sichtlich irritiert über den Befehlston des Mannes, den sie selbst bezahlte. „Wie bitte, Dr. Weber? Verlieren Sie jetzt die Nerven wegen ein bisschen Müll?“
„Das ist kein Müll, Frau Von Seybold“, sagte Dr. Weber. Seine Stimme war ruhig, tief und trug das volle Gewicht juristischer Autorität. Er blickte nicht auf Clara, die noch immer auf dem Boden lag, und er blickte auch nicht in Eleonores zorniges Gesicht. Seine Augen waren starr auf das Kupferröhrchen fixiert.
Genauer gesagt: auf das leuchtend rote Wachssiegel.
„Treten Sie zurück“, wiederholte Dr. Weber, und diesmal klang es nicht wie ein Rat, sondern wie eine gesetzliche Anordnung. „Ich warne Sie. Wenn Sie diesen Gegenstand beschädigen, machen Sie sich auf der Stelle strafbar.“
Eleonore schnaubte auf, zog ihren Fuß aber widerwillig zurück. „Wovon reden Sie da überhaupt? Was soll dieser Unsinn sein?“
Dr. Weber ging langsam in die Hocke. Er achtete peinlich genau darauf, das Röhrchen nicht zu berühren. Er beugte sich dicht darüber und betrachtete das Relief, das tief in das rote Wachs gepresst war. Als er sich wieder aufrichtete, war die Luft im Raum so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können.
„Das, Frau Von Seybold“, sagte Dr. Weber laut und deutlich, sodass jeder Angestellte in der Halle es hören konnte, „ist ein amtliches Notarsiegel. Und zwar nicht irgendeines. Es ist das persönliche Siegel der Kanzlei Dr. von Richtenstein. Dem Notar, der vor zwanzig Jahren die Gesellschaftsverträge dieser Manufaktur aufgesetzt hat. Und was auch immer sich in diesem versiegelten Röhrchen befindet, unterliegt dem direkten und absoluten Schutz des deutschen Erbrechts.“
Eleonores Gesicht verlor mit einem Schlag jede Farbe.
Kapitel 2 — Die rote Narbe im Ton
Die Worte von Dr. Weber hingen schwer und unausweichlich in der staubigen Luft der Werkstatt. „Das persönliche Siegel der Kanzlei Dr. von Richtenstein.“ Für einen Moment war das einzige Geräusch in der riesigen Halle das unregelmäßige, flache Atmen von Clara, die noch immer auf dem kalten Steinboden kauerte.
Eleonore von Seybold starrte auf den kleinen, unscheinbaren Kupferzylinder, als hätte er sich plötzlich in eine giftige Schlange verwandelt. Die herablassende, triumphierende Maske, die ihr Gesicht noch Sekunden zuvor beherrscht hatte, war Rissen gewichen. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
„Sie wollen mir ernsthaft weismachen, Dr. Weber, dass dieser rostige Schrott aus einem Blumentopf rechtliche Relevanz hat?“, zischte Eleonore. Ihre Stimme war leiser geworden, doch sie hatte nichts von ihrer Schärfe verloren. „Das ist ein verzweifelter Taschenspielertrick dieser kleinen Betrügerin. Sie hat irgendeinen alten Stempel gefunden und etwas Wachs daraufgetropft, um sich wichtig zu machen.“
Dr. Weber reagierte nicht auf die Beleidigung. Er war ein Mann der Akten, der Paragrafen und der absoluten Präzision. Hektik war ihm fremd. Mit einer beinahe provozierenden Langsamkeit griff er in die Innentasche seines maßgeschneiderten grauen Sakkos und zog ein makelloses, weißes Stofftaschentuch heraus. Er entfaltete es, ging tiefer in die Hocke und legte das Tuch behutsam über das Kupferröhrchen, bevor er es aufhob.
„Dies ist kein x-beliebiger Stempel, Frau Von Seybold“, sagte Dr. Weber mit der stoischen Ruhe eines Universitätsprofessors. Er richtete sich auf, das in Weiß gehüllte Röhrchen in seiner rechten Hand. „Das Siegelwachs zeigt das Wappen des Freistaates Sachsen, gekreuzt mit den Initialen von Dr. Heinrich von Richtenstein. Ich kenne dieses Siegel besser als jeder andere in dieser Stadt. Dr. von Richtenstein war mein Ausbilder, als ich mein Referendariat begann. Er war der Hausnotar Ihres verstorbenen Ehemannes. Und dieses Siegel ist völlig unversehrt. Wer auch immer es angebracht hat, es geschah in offizieller, notarieller Funktion.“
„Geben Sie mir das sofort“, forderte Eleonore. Sie streckte fordernd ihre linke Hand aus, die Finger spreizten sich wie Krallen. Die Diamantringe an ihren Fingern blitzten im grellen Licht der Deckenstrahler. „Es wurde in meinen Räumlichkeiten gefunden. Es befand sich in einem Objekt, das aus meinem Material gefertigt wurde. Folglich ist es mein Eigentum. Her damit.“
Dr. Weber machte einen halben Schritt zurück. Seine Haltung war höflich, aber unmissverständlich ablehnend. „Das werde ich ganz sicher nicht tun, Frau Von Seybold.“
„Ich bezahle Sie für diese Inventur!“, fuhr Eleonore auf, und nun brach die Wut offen aus ihr heraus. Sie schlug mit dem Gehstock hart auf den Boden. „Sie sind hier, um mein Vermögen zu sichern, nicht um mir meine eigenen Fundstücke vorzuenthalten!“
„Ich bin ein vereidigter Notar des Freistaates Sachsen, keine Angestellter Ihrer Manufaktur“, stellte Dr. Weber mit eisiger Klarheit klar. Er schob das in das Taschentuch gewickelte Röhrchen in die schmale Ledertasche seines Aktenkoffers und ließ das Schloss mit einem lauten, endgültigen Klick einschnappen. „Und gemäß Paragraph 2259 des Bürgerlichen Gesetzbuches zur Ablieferungspflicht bin ich, da ich dieses potenziell erbrechtlich relevante Dokument nun in Gewahrsam habe, gesetzlich verpflichtet, es unverzüglich dem zuständigen Nachlassgericht zu übergeben. Jeder Versuch, mich daran zu hindern, stellt eine Straftat dar. Nötigung, Unterschlagung und möglicherweise Urkundenunterdrückung. Wollen wir diese juristischen Begriffe heute Morgen wirklich weiter ausloten?“
Eleonores Hand zitterte leicht, als sie sie wieder senkte. Sie wusste, wann sie eine Frontallinie nicht durchbrechen konnte. Wenn Weber stur blieb, konnte sie ihm das Röhrchen nicht mit Gewalt entreißen – nicht vor zwölf Zeugen. Sie brauchte eine andere Strategie. Und sie brauchte sie sofort.
Langsam, wie ein Raubtier, das sein Ziel wechselt, wandte sie den Kopf und blickte hinab zu Clara.
Clara hatte die Auseinandersetzung zwischen dem Notar und ihrer Schwiegermutter wie durch einen dichten Nebel wahrgenommen. Der Schmerz in ihrer Schulter pochte im Takt ihres rasenden Herzschlags. Sie versuchte, sich aufzusetzen. Ihre linke Hand stützte sich auf dem Boden ab. Ein scharfer Schmerz ließ sie scharf einatmen. Sie hatte in eine der messerscharfen, blauen Porzellanscherben gefasst. Ein dünner roter Blutstropfen rann über ihre Handfläche und mischte sich mit dem weißen Tonstaub auf ihrer Haut.
„Du kleine, elende Schlange“, flüsterte Eleonore. Sie trat einen Schritt näher an Clara heran, sodass die Spitze ihres Schuhs fast Claras Knie berührte. „Woher hast du das? Was hast du gestohlen?“
„Ich habe nichts gestohlen“, presste Clara hervor. Sie zog ihre blutende Hand an die Brust und wischte sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. „Lukas… Lukas hat es mir gegeben.“
Ein höhnisches Lachen hallte durch die Werkstatt. Eleonore warf den Kopf in den Nacken. „Mein Sohn? Mein Sohn Lukas hat dir ein zwanzig Jahre altes Röhrchen gegeben? Mach dich nicht noch lächerlicher, als du es ohnehin schon bist. Lukas wusste nicht einmal, wie man einen Tresor öffnet, geschweige denn, dass er alte Akten seines Vaters gehortet hätte.“
„Er hat es mir drei Tage vor seinem Unfall gegeben“, sagte Clara. Ihre Stimme zitterte, aber sie zwang sich, laut genug zu sprechen, damit auch die Gesellen und Meister Hoffmann sie hören konnten. Die Wahrheit musste ausgesprochen werden, hier und jetzt. „Er wusste, was Sie vorhaben. Er wusste, dass Sie ihn aus der Geschäftsführung drängen wollten, sobald seine Entwürfe den internationalen Preis gewonnen hätten. Er hat das Röhrchen in unserem Schlafzimmer versteckt und gesagt, ich soll es in mein Meisterstück einbrennen. Er sagte: ‚Wenn mir etwas zustößt, vertraue niemandem in meiner Familie. Lass das Porzellan im Ofen aushärten. Dann kann sie es nicht vernichten, ohne es vor allen Augen zu zerbrechen.‘“
Clara blickte auf die blauen Scherben, die um sie herum verstreut lagen. „Sie haben genau das getan, was er prophezeit hat. Sie haben es selbst ans Licht gebracht.“
Die Stille in der Werkstatt war nun beinahe greifbar. Meister Hoffmann stand da, als hätte man ihn aus Beton gegossen. Er kannte Lukas von klein auf. Er wusste, wie sehr der junge Mann in den letzten Monaten unter dem Druck seiner Mutter gelitten hatte. Hoffmanns Hände, dick und schwielig von jahrzehntelanger Arbeit an der Töpferscheibe, ballten sich zu Fäusten. Er machte einen halben Schritt auf Clara zu. „Frau Von Seybold… wir sollten ihr aufhelfen. Sie blutet. Und das Kind…“
Eleonore drehte sich so schnell um, dass ihr Mantel aufschwang. Ihr Blick traf den alten Töpfermeister wie ein Peitschenhieb.
„Meister Hoffmann“, sagte sie, und jedes Wort war wie in Eis gemeißelt. „Sie sind seit zweiunddreißig Jahren in diesem Betrieb. In fünfzehn Monaten steht Ihre Rente an. Und wenn ich mich recht erinnere, bezuschusst die Manufaktur die teuren Therapien für Ihre behinderte Enkeltochter aus unserem Sozialfonds. Möchten Sie, dass diese Zahlungen heute Nachmittag um fünfzehn Uhr eingestellt werden? Möchten Sie, dass Ihr Spind morgen früh ausgeräumt auf dem Hof steht?“
Hoffmann erstarrte. Die Farbe wich aus seinem ohnehin schon blassen Gesicht. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch kein Ton kam heraus. Sein Blick flackerte zu Clara, voller Scham und unendlicher Verzweiflung, dann senkte er den Kopf. Er zog den rechten Fuß zurück. Er kapitulierte.
Clara schloss die Augen. Eine heiße Träne rann über ihre mit Tonstaub bedeckte Wange. Sie verurteilte Hoffmann nicht. Sie kannte die Methoden der Von Seybolds. Geld war ihre Waffe, und sie nutzten sie mit skrupelloser Präzision.
„Niemand hilft ihr“, verkündete Eleonore laut in die Runde. „Gehen Sie alle zurück an Ihre Arbeit. Sofort!“
Wie ferngesteuerte Maschinen wandten sich die Gesellen und Auszubildenden ab. Das Summen der Töpferscheiben setzte wieder ein, zaghaft zuerst, dann lauter. Das Kratzen von Werkzeugen auf Ton war zu hören. Die Maschinerie des Unternehmens lief weiter, während die schwangere Witwe des Erben blutend auf dem Boden saß. Es war eine groteske, herzzereißende Szene der Unterwerfung.
Zufrieden nickte Eleonore. Dann drehte sie sich zu dem Buchhalter um, der noch immer stumm wie ein Geist hinter ihr stand. „Schmidt. Rufen Sie den Werkschutz. Ich will Müller und Brandt hier haben. In exakt zwei Minuten.“
Der Buchhalter nickte hastig, zog sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte eilig eine Nummer.
„Frau Von Seybold, ich protestiere aufs Schärfste gegen dieses Vorgehen“, schaltete sich Dr. Weber wieder ein. Er umklammerte den Griff seines Aktenkoffers so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. „Die junge Frau bedarf medizinischer Hilfe, keines Sicherheitsdienstes. Sie ist hochschwanger und offensichtlich verletzt.“
„Oh, sie wird medizinische Hilfe bekommen, Dr. Weber. Machen Sie sich darüber keine Sorgen“, erwiderte Eleonore mit einem Lächeln, das das Blut in Claras Adern gefrieren ließ. Es war kein wütendes Lächeln mehr. Es war das Lächeln einer Frau, die bereits zehn Schritte vorausgedacht hatte.
Eleonore griff in ihre dunkle Designer-Handtasche, die sie an ihrem linken Unterarm trug. Sie zog eine gefaltete, in eine transparente Plastikfolie gebundene Akte heraus. Das Papier war makellos weiß, die Stempel darauf schwarz und offiziell.
„Wissen Sie, Dr. Weber, Sie sind nicht der Einzige, der das Bürgerliche Gesetzbuch kennt“, sagte Eleonore, während sie mit einem perfekt manikürten Fingernagel über das Papier strich. „Als Familienoberhaupt trage ich eine enorme Verantwortung. Nicht nur für diese Firma, sondern auch für das Wohl meiner Familie. Nach dem tragischen Tod meines Sohnes habe ich sofort erkannt, dass meine liebe Schwiegertochter den Verlust nicht verkraften würde.“
Claras Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Was ist das für ein Papier?“, flüsterte sie.
Eleonore ignorierte sie und wandte sich direkt an den Notar. „Dies, verehrter Herr Doktor, ist eine einstweilige Betreuungsverfügung und eine medizinische Vorsorgevollmacht, ausgestellt vom Amtsgericht Meißen, auf Grundlage ärztlicher Gutachten, die ich nach Lukas’ Tod in Auftrag gegeben habe. Clara leidet unter schweren, schwangerschaftsinduzierten Psychosen. Sie halluziniert. Sie hortet Müll, erfindet Geschichten über geheime Testamente und stellt eine akute Gefahr für sich selbst und das ungeborene Kind dar.“
„Das ist eine Lüge!“, schrie Clara auf. Die Wut gab ihr für einen Moment ihre Kraft zurück. Sie stützte sich mit der gesunden rechten Hand ab und versuchte, aufzustehen, doch ihr Schwerpunkt war verschoben, und der Schmerz in der Schulter riss sie sofort wieder nach unten. „Sie hat nie ein ärztliches Gutachten gegeben! Ich war bei keinem Arzt von ihr! Das ist alles gefälscht!“
„Sehen Sie?“, sagte Eleonore mit gespieltem, theateralischem Bedauern und schüttelte den Kopf. „Sie ist völlig außer Kontrolle. Sie wirft sich selbst in Glasscherben, nur um Aufmerksamkeit zu erregen. Sie erfindet Verschwörungstheorien über mich. Es ist tragisch. Wirklich tragisch.“
Dr. Weber trat einen Schritt näher, sein Gesichtsausdruck war nun eine Mischung aus Skepsis und juristischer Vorsicht. „Darf ich dieses Dokument sehen, Frau Von Seybold? Eine solche Vollmacht gegen den Willen der Betroffenen durchzusetzen, erfordert extrem hohe Hürden.“
„Sie können es gerne beim Familiengericht anfordern, Dr. Weber“, erwiderte Eleonore kühl und schob das Dokument zurück in ihre Tasche. „Es ist rechtskräftig unterschrieben. Ich bin ihre gesetzliche Betreuerin in gesundheitlichen Angelegenheiten. Und als solche entscheide ich, dass sie sofort in die geschlossene psychiatrische Abteilung der Waldklinik verlegt wird. Dr. Steindorf erwartet sie bereits.“
In diesem Moment flogen die schweren Eichentüren der Halle erneut auf. Zwei breitschultrige Männer in den grauen Uniformen des Werkschutzes betraten eiligen Schrittes den Raum. Es waren Müller und Brandt. Sie waren es gewohnt, kleine Diebstähle zu klären oder betrunkene Lieferanten vom Hof zu weisen. Als sie die Szene sahen – die Scherben, das Blut, die am Boden liegende schwangere Frau, die sie alle freundlich grüßte, wenn sie morgens durch das Tor kam – blieben sie irritiert stehen.
„Sie haben gerufen, Frau Direktorin?“, fragte Müller, der Ältere der beiden, sichtlich verunsichert.
„Gott sei Dank sind Sie da, Männer“, sagte Eleonore. Ihre Stimme klang nun weich, fast großmütterlich. Sie spielte die Rolle der besorgten Matriarchin mit erschreckender Perfektion. „Wir haben einen medizinischen Notfall. Meine arme Schwiegertochter hat wieder einen ihrer Schübe. Sie hat die wertvolle Vase zerstört und droht nun, sich selbst etwas anzutun. Sie ist völlig verwirrt.“
„Das stimmt nicht!“, rief Clara verzweifelt. Sie sah die Sicherheitsmänner flehentlich an. „Müller, Sie kennen mich! Sie wissen, dass ich nicht verrückt bin! Sie hat mich gestoßen! Sie will mich wegsperren lassen!“
Müller sah nervös zu Brandt, dann zu Meister Hoffmann, der noch immer angestrengt auf seine Töpferscheibe starrte und so tat, als wäre er taub.
„Müller!“, schnitt Eleonores Stimme durch die Halle, diesmal wieder kalt und befehlend. „Stehen Sie nicht dumm herum. Ich habe die gesetzliche Betreuungsvollmacht. Nehmen Sie die Frau. Führen Sie sie durch den Hinterausgang zum Dienstwagen. Fahren Sie sie direkt zur Waldklinik zu Dr. Steindorf. Wenn sie sich wehrt, fixieren Sie sie. Zu ihrem eigenen Schutz.“
Die beiden Männer schluckten schwer. Sie wussten genau, wer ihre Gehälter bezahlte. Und sie sahen die Autorität, die Eleonore ausstrahlte. Wenn ein Papier existierte, wer waren sie, um der Chefin zu widersprechen?
Langsam setzten sie sich in Bewegung und traten um den großen Marmortisch herum. Das Knirschen der Porzellanscherben unter ihren schweren Sicherheitsstiefeln klang in Claras Ohren wie das Mahlen von Knochen.
„Nein… nein, bitte nicht“, wimmerte Clara. Panik stieg in ihr auf, ein eiskalter, erstickender Terror. Die Waldklinik. Eine private Einrichtung, finanziert von Familien wie den Von Seybolds. Wenn sie sie dorthin brachten, in die geschlossene Abteilung, würden sie sie mit Medikamenten vollpumpen. Sie würden ihr das Kind direkt nach der Geburt wegnehmen. Sie würde Lukas’ Erbe, ihr Baby, niemals wiedersehen. Niemand würde einer Frau glauben, die mit einer richterlichen Einweisung in der Psychiatrie saß.
Sie drückte sich rückwärts über den Boden, weg von den herannahenden Männern, bis ihr Rücken hart gegen das kalte Gusseisen des Tischbeins stieß. Sie saß in der Falle.
Müller beugte sich zu ihr hinab. Sein Gesicht zeigte aufrichtiges Bedauern, aber seine Hände griffen unerbittlich nach vorne. „Tut mir leid, Frau Clara. Es ist besser, wenn Sie keinen Widerstand leisten. Denken Sie an das Baby.“
„Lassen Sie mich los!“, schrie Clara, als Müllers große, raue Hände sich um ihren unverletzten rechten Arm schlossen und anfingen, sie nach oben zu zerren. Der Schmerz in ihrer linken Schulter flammte höllisch auf.
Sie wehrte sich mit aller Kraft, trat mit den Füßen, doch gegen die zwei kräftigen Männer hatte sie keine Chance. Brandt griff nach ihrer anderen Seite. Sie zogen sie auf die Beine. Clara hing keuchend und weinend zwischen ihnen, die Füße berührten kaum den Boden.
„Hervorragend“, sagte Eleonore, die ihre Handtasche richtete und den Gehstock wieder fest umgriff. „Bringen Sie sie weg. Und Herr Schmidt, sorgen Sie dafür, dass diese Scherben sofort zusammengekehrt und im Restmüll entsorgt werden. Ich will keine Spuren dieser Hysterie mehr in meiner Werkstatt sehen.“
Clara wandte ihren Kopf. Ihr Blick suchte verzweifelt nach einem Anker, nach einer Rettung in diesem Albtraum. Ihre Augen trafen die von Dr. Weber.
Der Notar stand noch immer an derselben Stelle. Er hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Seine rechte Hand ruhte fest auf dem Griff seines Aktenkoffers, in dem das Kupferröhrchen lag. Er sah Clara an. In seinem Blick lag keine Panik, nur eine kühle, berechnende Ernsthaftigkeit.
„Dr. Weber… bitte!“, schrie Clara, während Müller und Brandt begannen, sie in Richtung der großen hinteren Doppeltüren zu schleifen. „Sie wissen, dass sie lügt! Helfen Sie mir!“
Eleonore stellte sich demonstrativ zwischen Clara und den Notar, verschränkte die Arme und lächelte den Juristen kalt an. „Sie haben Ihr kleines Röhrchen, Herr Notar. Das Gesetz ist genüge getan. Was mit meiner kranken Schwiegertochter geschieht, ist eine medizinische und familiäre Angelegenheit, in die Sie sich nicht einzumischen haben.“
Die schweren Türen am Ende der Halle schwangen auf. Der kalte Wind von draußen wehte in die Werkstatt. Clara spürte, wie die Kraft sie verließ. Die Dunkelheit der Waldklinik drohte, sie für immer zu verschlucken.
Kapitel 3 — Das Siegel bricht
Der eisige Wind des späten Vormittags peitschte in die große Halle der Porzellanmanufaktur, als die schweren Eichendopperltüren aufgestoßen wurden. Draußen, auf dem gepflasterten Innenhof, stand bereits der graue Transporter des Werkschutzes mit laufendem Motor bereit. Für Clara sah das Fahrzeug aus wie ein Leichenwagen. Es war das Gefährt, das sie in die absolute Dunkelheit bringen sollte. In die geschlossene Abteilung der privaten Waldklinik. In die Hände von Ärzten, die auf der Gehaltsliste ihrer Schwiegermutter standen.
„Bitte“, schluchzte Clara. Ihre Füße schleiften über die rauen Steinplatten. Jeder Ruck, den die beiden kräftigen Sicherheitsmänner Müller und Brandt ausübten, schickte brennende Schmerzwellen durch ihre verletzte linke Schulter. „Müller, bitte hören Sie mir zu. Ich flehe Sie an. Sie nehmen mir mein Baby weg!“
Müllers Gesicht war aschfahl, gezeichnet von einem tiefen, inneren Konflikt, doch sein Griff um Claras rechten Arm blieb eisern. „Es tut mir leid, Frau Clara. Die Chefin hat die Papiere. Wir machen nur unseren Job. Es wird alles wieder gut.“
„Nichts wird gut!“, schrie sie und stemmte die Fersen in den Boden, doch sie war zu schwach, zu erschöpft. Der Blutstropfen von ihrer Schnittwunde an der Hand fiel auf den hellen Kaolinstaub des Bodens und hinterließ eine kleine, leuchtend rote Spur in Richtung des Ausgangs.
Eleonore von Seybold stand ein paar Meter entfernt, die Hände elegant auf dem Silberknauf ihres Gehstocks gefaltet. Ein Ausdruck vollkommener, ungestörter Zufriedenheit lag auf ihren Zügen. Sie genoss diesen Moment. Es war der Moment der endgültigen Säuberung. Die Beseitigung eines lästigen Flecks auf dem makellosen Erbe ihrer Familie.
Doch bevor Claras Füße die Türschwelle überschreiten konnten, hallte eine Stimme durch den Raum, die so laut und durchdringend war, dass selbst das Wummern der fernen Brennöfen zu verstummen schien.
„Lassen Sie die Frau auf der Stelle los!“
Müller und Brandt zuckten zusammen und blieben abrupt stehen. Clara hing keuchend zwischen ihnen.
Dr. Weber, der Notar, hatte sich in Bewegung gesetzt. Die ruhige, distanzierte Fassade des bloßen Beobachters war völlig verschwunden. Mit schnellen, raumgreifenden Schritten überquerte er die Werkstatt. Die Absätze seiner polierten Lederschuhe knallten auf den Steinboden. Er trat direkt zwischen die Sicherheitsmänner und die offene Tür und baute sich wie eine menschliche Barriere auf. In seiner rechten Hand hielt er seinen schwarzen Aktenkoffer fest umklammert, als wäre dieser ein Schild.
„Gehen Sie mir aus dem Weg, Notar!“, zischte Eleonore, deren Lächeln schlagartig einer wütenden Fratze wich. Sie hob ihren Gehstock und zeigte drohend auf ihn. „Sie überschreiten Ihre Kompetenzen massiv! Das hier ist eine interne, medizinische Notmaßnahme.“
Dr. Weber würdigte Eleonore keines Blickes. Er fixierte stattdessen ausschließlich die beiden Sicherheitsleute. Sein Blick war kalt, analytisch und von einer Autorität durchdrungen, die keinen Widerspruch duldete.
„Meine Herren“, begann Dr. Weber, und seine Stimme war nun leiser, aber von einer rasiermesserscharfen Präzision. „Sie tragen Uniformen des Werkschutzes, keine Polizeiuniformen. Sie besitzen keinerlei exekutive Befugnisse. Was Sie hier gerade tun, erfüllt den Tatbestand der gemeinschaftlichen schweren Freiheitsberaubung nach Paragraph 239 des Strafgesetzbuches. In Tateinheit mit Nötigung und gefährlicher Körperverletzung, da die Dame offensichtlich verletzt und hochschwanger ist.“
Brandt, der jüngere der beiden Männer, schluckte schwer und lockerte unbewusst seinen Griff um Claras Schulter. „Aber… aber Frau Von Seybold hat uns eine Vollmacht gezeigt. Eine medizinische Betreuungsverfügung…“
„Hat sie das?“, unterbrach Dr. Weber ihn scharf. Er trat noch einen Schritt näher an die Männer heran. „Hat Frau Von Seybold Ihnen einen offiziellen, vom Amtsgericht Meißen rechtskräftig gestempelten Unterbringungsbeschluss gezeigt? Im Original? Mit der Unterschrift eines amtierenden Richters?“
Müller blinzelte nervös und sah zu seiner Chefin hinüber. „Ähm… nein. Es war ein Papier in einer Plastikfolie. Sie sagte, sie sei die gesetzliche Betreuerin…“
„Eine private Vorsorgevollmacht berechtigt niemanden – nicht einmal den eigenen Ehepartner oder die Mutter –, einen Menschen gegen seinen ausdrücklich erklärten Willen mit physischer Gewalt aus einem Raum zu zerren und in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung zu verschleppen“, dozierte Dr. Weber mit der unerbittlichen Härte eines Staatsanwalts im Kreuzverhör. „Dafür bedarf es zwingend eines richterlichen Beschlusses und im Falle von Gegenwehr der Amtshilfe durch die staatliche Polizei. Nicht durch private Wachleute. Wenn Sie diese Frau auch nur einen Millimeter weiter in Richtung dieses Transporters ziehen, greife ich zu meinem Telefon und rufe die Notrufzentrale an. Ich werde als Zeuge und als Offizier der Rechtspflege aussagen, dass Sie eine Entführung durchführen wollten. Sie beide gehen dann heute Abend nicht nach Hause zu Ihren Familien. Sie gehen in Untersuchungshaft. Für die nächsten Monate. Und Frau Von Seybold wird nicht dort sein, um Ihnen die Anwälte zu bezahlen. Verstehen wir uns?“
Die Wirkung seiner Worte war katastrophal für Eleonores Pläne. Die Gesichter der beiden Sicherheitsmänner wurden kreidebleich. Die juristische Drohung, vorgetragen von einem Mann mit Webers Status, durchbrach die Angst vor der Kündigung. Keine Abfindung der Welt war eine Haftstrafe wert.
Fast synchron ließen Müller und Brandt Clara los. Sie hoben beschwichtigend die Hände und wichen hastig zwei Schritte zurück.
„Was tun Sie da, Sie unfähigen Idioten?!“, kreischte Eleonore. Sie schlug mit dem Gehstock hart auf den Boden. „Fassen Sie sie an! Bringen Sie sie raus! Das ist ein Befehl!“
„Es tut mir leid, Frau Direktorin“, stammelte Müller, dem der Schweiß auf der Stirn stand. „Ich… ich kann nicht ins Gefängnis. Meine Tochter fängt nächste Woche mit dem Studium an. Wir fassen die junge Frau nicht mehr an.“
Ohne den Halt der beiden Männer sackte Clara in sich zusammen. Ihre Beine gaben nach, und sie fiel auf die Knie. Ein schmerzerfüllter Schrei entwich ihren Lippen, als die Bewegung an ihrer geprellten Schulter riss. Sie kauerte auf dem staubigen Boden, schützend die Arme um ihren Bauch gelegt, zitternd vor Kälte, Schmerz und nachlassendem Adrenalin.
In diesem Moment brach in der Werkstatt endgültig der Damm des Schweigens.
Meister Hoffmann, der bis dahin wie erstarrt an seiner Töpferscheibe gestanden hatte, warf sein Werkzeug klappernd auf den Holztisch. Sein Gesicht war rot vor unterdrückter Wut und tiefer Scham. Er ignorierte Eleonore, die ihn mit mörderischen Blicken durchbohrte, lief durch die Halle, riss im Vorbeigehen ein sauberes, weißes Leinentuch von einem Regal und ließ sich neben Clara auf den Steinboden fallen.
„Kommen Sie, Mädchen. Ganz ruhig. Ich habe Sie“, murmelte der alte Töpfermeister mit rauer Stimme. Er legte das saubere Tuch vorsichtig um Claras blutende Hand und drückte es leicht an. „Atmen Sie. Dem Kind geht es gut. Atmen Sie.“
„Meister Hoffmann!“, brüllte Eleonore. Ihre Stimme überschlug sich beinahe. Sie war völlig außer sich. Dass ihre eigenen Angestellten sich offen gegen sie stellten, war ein Verrat, den sie in den jahrzehntelangen Herrschaftsjahren der Von Seybolds noch nie erlebt hatte. „Sie sind fristlos entlassen! Verlassen Sie mein Grundstück! Sofort! Ihre Rente ist gestrichen! Der Sozialfonds für Ihre Enkelin ist gestrichen! Ich ruiniere Sie!“
Hoffmann sah nicht auf. Er band das Leinentuch vorsichtig zu einem Knoten. Dann hob er langsam den Kopf. In seinen Augen lag keine Angst mehr. Nur noch tiefe, eiskalte Verachtung.
„Tun Sie, was Sie nicht lassen können, Frau Von Seybold“, sagte Hoffmann laut und deutlich. Die Stille in der Werkstatt ließ seine Worte bis in den letzten Winkel tragen. „Feuern Sie mich. Streichen Sie das Geld. Ich werde ohnehin keine Minute länger für eine Frau arbeiten, die die schwangere Frau ihres eigenen, toten Sohnes wie ein Stück Vieh auf den Hof schleifen lässt. Lukas hätte sich im Grab umgedreht. Sie sind eine Schande für diesen Namen.“
Ein leises Raunen ging durch die Reihen der restlichen Angestellten. Einige Gesellen traten einen Schritt vor, näher zu Hoffmann und Clara. Die unsichtbare Mauer der Angst, die Eleonore über Jahre hinweg aufgebaut hatte, bröckelte.
Eleonore schnappte nach Luft. Ihr Mund öffnete und schloss sich, aber für einen Moment fand sie keine Worte. Ihr Blick flackerte nervös zwischen den aufsässigen Arbeitern, den zurückweichenden Sicherheitsmüttern und dem Notar hin und her. Sie spürte, wie ihr die absolute Kontrolle entglitt.
„Schließen Sie die Türen, Brandt“, ordnete Dr. Weber ruhig an.
Brandt zögerte keine Sekunde. Er eilte zu den schweren Eichendopperltüren und drückte sie mit einem dumpfen Schlag ins Schloss. Der eisige Wind wurde ausgesperrt.
„Sehr gut“, sagte Dr. Weber. Er drehte sich um und schritt langsam zurück zur Mitte der Werkstatt, genau dorthin, wo die zersplitterten Überreste von Claras Porzellanvase auf dem Boden lagen. Er stellte seinen schwarzen Aktenkoffer behutsam auf den großen, unbeschädigten Teil des Marmortisches.
„Was haben Sie vor?“, fragte Eleonore. Sie folgte ihm dicht auf den Fersen, ihr Gehstock klickte bedrohlich schnell auf dem Stein. „Die Inventur ist beendet, Dr. Weber. Ich entbinde Sie hiermit von all Ihren Aufgaben. Reichen Sie Ihre Rechnung ein und verlassen Sie mein Eigentum.“
Dr. Weber drehte sich langsam zu ihr um. Seine Hände ruhten flach auf dem Leder seines Koffers.
„Sie können mich nicht entbinden, Frau Von Seybold“, erklärte er mit gnadenloser Sachlichkeit. „Ich bin nicht Ihr persönlicher Angestellter. Ich wurde vom Nachlassgericht bestellt, um den Status der Firma nach dem Tod von Lukas von Seybold festzustellen. Und die Situation hat sich soeben fundamental geändert.“
„Nichts hat sich geändert!“, keifte sie. „Dieser Müll aus dem Blumentopf ist völlig irrelevant. Lukas ist ohne Letzten Willen gestorben. Ich bin die Alleinerbin und Geschäftsführerin.“
„Darüber wird gleich Gewissheit herrschen“, sagte Dr. Weber.
Mit einem lauten Klack ließ er die beiden metallenen Schlösser seines Koffers aufspringen. Er öffnete den Deckel. Behutsam, als handele es sich um hochexplosiven Sprengstoff, entnahm er das kupferne Röhrchen, das noch immer in sein weißes Taschentuch gewickelt war. Er legte es in die Mitte des Marmortisches, direkt unter das grelle Licht der Arbeitslampe.
Das rote Wachssiegel leuchtete wie ein frischer Bluttropfen auf dem dunklen, angelaufenen Metall.
„Lassen Sie das!“, zischte Eleonore und machte eine hastige Bewegung nach vorne. Ihre Hand schoss aus, um nach dem Röhrchen zu greifen.
„Fassen Sie das nicht an!“, donnerte Dr. Weber, und seine Stimme war so gewaltig, dass Eleonore mitten in der Bewegung einfror. Er beugte sich bedrohlich über den Tisch. „Dies ist nun offizielles Beweismaterial in einer ungeklärten Erbschaftsangelegenheit. Wenn Sie dieses Siegel anrühren, Frau Von Seybold, rufe ich die Kriminalpolizei hinzu und lasse diesen gesamten Raum wegen Verdachts auf Urkundenunterdrückung und Beweismittelvernichtung räumen und versiegeln. Dann dürfen Sie nicht einmal mehr Ihren eigenen Schreibtisch betreten. Treten Sie zurück. Jetzt.“
Eleonore zitterte am ganzen Körper. Ihr Gesicht war eine Maske aus unbändigem Hass, doch sie zog die Hand zurück. Sie wusste, dass Weber nicht bluffte. Eine polizeiliche Versiegelung der Manufaktur würde das Weihnachtsgeschäft zerstören und einen Skandal in der gesamten Region auslösen. Sie wich einen halben Schritt zurück, atmete schwer und stützte sich auf ihren Stock.
„Es ist nur ein alter Vertrag“, redete Eleonore sich selbst ein, laut genug, dass alle es hören konnten. „Wahrscheinlich eine veraltete Steuerakte meines Mannes. Lukas war viel zu schwach, um rechtliche Schritte ohne mein Wissen zu unternehmen. Sie machen sich lächerlich, Notar.“
Clara saß noch immer auf dem Boden, gestützt von Meister Hoffmann. Sie drückte das blutige Tuch gegen ihre Hand. Ihr Herzschlag wummerte in ihren Ohren. Lass es wahr sein, Lukas, flehte sie stumm. Bitte lass es wahr sein.
Dr. Weber zog ein kleines, silbernes Taschenmesser aus der Innentasche seiner Weste. Er klappte die feine Klinge auf. Die Stille in der großen Werkstatthalle war absolut. Selbst das ferne Brummen der Öfen schien verschluckt zu sein. Zwölf Augenpaare starrten gebannt auf die Hände des Notars.
Er setzte die Klinge genau an der Kante des Kupferröhrchens an, wo das rote Wachs das Metall verschloss.
Ein scharfes Kratzen. Ein leichter Druck.
Mit einem lauten, trockenen Knacken, das in der Stille wie ein kleiner Schuss klang, brach das zwanzig Jahre alte, rote Notarsiegel von Dr. von Richtenstein. Das Wachs zersplitterte in mehrere kleine Teile und fiel auf den Marmortisch.
Eleonore hielt unwillkürlich den Atem an.
Dr. Weber legte das Messer beiseite. Er zog an der kleinen Kupferkappe. Sie saß fest, doch mit einem leisen Quietschen des alten Metalls löste sie sich. Ein feiner, trockener Geruch nach altem Papier und Staub entwich aus dem Inneren.
Der Notar neigte das Röhrchen. Mit zwei Fingern griff er hinein und zog eine eng gerollte Pergamentrolle heraus. Sie war mit einem dünnen, schwarzen Faden umwickelt. Das Papier war an den Rändern leicht vergilbt, aber von makelloser, schwerer Qualität. Es war das typische, wasserzeichenversehene Papier, das Kanzleien für ihre wichtigsten Dokumente verwendeten.
Dr. Weber legte das leere Kupferröhrchen ab. Er löste den schwarzen Faden und ließ ihn auf den Tisch fallen. Dann entrollte er das Dokument. Es war nicht nur ein einzelnes Blatt, sondern eine kleine, geheftete Akte aus drei Seiten. Die Deckseite trug das offizielle, geprägte Wappen des Freistaates Sachsen und den großen, schwarzen Stempel der Notarkammer.
Eleonore reckte den Hals, um einen Blick auf das Papier zu werfen, aber Weber hielt es so, dass nur er es lesen konnte.
Der Notar überflog die erste Seite. Seine Augen bewegten sich schnell von links nach rechts. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, aber ein feines Muskelzucken an seiner Schläfe verriet, dass er begriff, welch juristische Sprengkraft er gerade in den Händen hielt. Er blätterte zur zweiten Seite. Dann zur dritten. Er betrachtete die Unterschriften am unteren Rand der letzten Seite sehr genau.
„Nun?“, blaffte Eleonore ungeduldig. Die Anspannung zerfraß ihre sonst so eiserne Selbstbeherrschung. „Was ist dieses hochwichtige Dokument? Eine alte Rechnung? Eine Notiz?“
Dr. Weber sah langsam auf. Er griff in seine Brusttasche, holte seine Lesebrille mit dem Hornrahmen heraus und setzte sie sich bedächtig auf die Nase. Er blickte über den Rand der Brille direkt in Eleonores Augen.
„Dies, Frau Von Seybold“, begann Dr. Weber, und seine Stimme hallte kristallklar durch die Werkstatt, „ist kein Testament. Und es ist auch keine alte Steuerakte Ihres verstorbenen Ehemannes.“
„Was ist es dann?“, forderte sie schrill.
„Es ist ein notariell beglaubigter Nachtrag zum Gesellschaftervertrag der Porzellanmanufaktur Von Seybold GmbH & Co. KG. Datiert auf den 14. August, exakt zwei Monate vor dem tödlichen Autounfall Ihres Sohnes Lukas.“
Eleonores Augen weiteten sich. „Das ist unmöglich. Lukas durfte den Vertrag nicht ändern. Ich besitze fünfundvierzig Prozent der Anteile! Er hatte nur fünfundfünfzig! Für eine strukturelle Änderung brauchte er eine Zweidrittelmehrheit, oder meine Zustimmung!“
„Das ist im Grundsatz korrekt“, stimmte Dr. Weber ruhig zu und strich das Papier auf dem Marmortisch glatt. „Allerdings enthält der ursprüngliche Gründungsvertrag Ihres Schwiegervaters, den Dr. von Richtenstein damals aufsetzte, eine sehr spezifische, oft übersehene Klausel. Die sogenannte ‚Schutzklausel der reinen Blutlinie‘. Eine Klausel, die Sie selbst, Frau Von Seybold, nach dem Tod Ihres Mannes vor zehn Jahren erbittert verteidigt haben, um familienfremde Investoren abzuwehren.“
Eleonore wurde blass. „Was hat das damit zu tun?“
Dr. Weber räusperte sich leicht. Er richtete seinen Blick auf das Dokument und las vor:
„Unter Bezugnahme auf Paragraph 7, Absatz 3 des Hauptvertrages, überträgt der Hauptgesellschafter Lukas von Seybold hiermit unwiderruflich und mit sofortiger Wirkung bei Eintritt seines Todes seine gesamten fünfundfünfzig Prozent der Gesellschaftsanteile an seinen direkten, leiblichen Nachkommen.“
„Das Kind ist noch nicht geboren!“, schrie Eleonore, und Speichel flog von ihren Lippen. „Ein ungeborenes Kind ist nicht rechtsfähig im Sinne der Geschäftsführung! Der Anteil fällt an mich als nächste Blutsverwandte zurück!“
„Lassen Sie mich ausreden, Frau Von Seybold“, unterbrach Weber sie eiskalt. Seine Augen fixierten nun die nächste Zeile des Dokuments. Er atmete tief ein. Die Stille im Raum war so dicht, dass sie fast schmerzte. Alle starrten auf den Notar. Clara hielt den Atem an, Meister Hoffmanns Hand auf ihrer Schulter zitterte leicht.
Dr. Weber senkte den Blick wieder auf das vergilbte Papier und las den entscheidenden Satz vor, den Lukas in weiser Voraussicht hinterlassen hatte:
„Da der Begünstigte zum Zeitpunkt der Vertragsänderung noch nicht volljährig ist, bestimme ich hiermit als alleinige, uneingeschränkte Vermögensverwalterin und vollumfängliche Geschäftsführerin der Manufaktur bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres meines Kindes… meine Ehefrau, Clara von Seybold.“
Das Blut wich in einer einzigen, brutalen Sekunde komplett aus Eleonore von Seybolds Gesicht. Sie schwankte, als hätte ihr jemand mit einem Schmiedehammer in die Magengrube geschlagen, und musste sich schwer auf ihren Gehstock stützen, um nicht zu fallen.
Kapitel 4 — Der Neue Meister
Die Worte von Dr. Weber hingen in der staubigen Luft der Porzellanmanufaktur, schwer und endgültig wie das Urteil eines höchsten Gerichts.
„…als alleinige, uneingeschränkte Vermögensverwalterin und vollumfängliche Geschäftsführerin der Manufaktur… meine Ehefrau, Clara von Seybold.“
Das Blut wich in einer einzigen, brutalen Sekunde komplett aus Eleonore von Seybolds Gesicht. Ihre makellose, aristokratische Maske zerfiel. Sie schwankte, als hätte ihr jemand mit einem Schmiedehammer in die Magengrube geschlagen, und musste sich schwer auf ihren Gehstock stützen, um nicht vornüber auf den Steinboden zu stürzen. Das rhythmische, feine Zittern ihrer Hände übertrug sich auf den Silberknauf des Stocks, der leise gegen ihren Ehering klackte.
Ein ohrenbetäubendes Schweigen legte sich über die Werkstatt. Die zwölf Angestellten, Meister Hoffmann, der Buchhalter Schmidt und die beiden Sicherheitsmänner Müller und Brandt starrten wie hypnotisiert auf den Notar und das kleine, vergilbte Papierbündel in seinen Händen.
Clara saß noch immer auf dem kalten Steinboden, gestützt von dem alten Töpfermeister. Ihr Atem ging flach und schnell. Die Worte des Notars hallten in ihrem Kopf wider. Lukas. Er hatte es gewusst. Er hatte geahnt, wozu seine Mutter fähig war, wenn es um Macht und Kontrolle ging. Er hatte nicht nur das Kupferröhrchen in der Vase versteckt; er hatte ein juristisches Schutzschild geschmiedet, das undurchdringlich war. Ein Schluchzen brach aus Claras Kehle, aber diesmal war es kein Schmerz. Es war die überwältigende, reinigende Flut der Erleichterung. Er hatte sie beschützt. Sogar über seinen Tod hinaus.
„Das… das ist absurd“, presste Eleonore schließlich hervor. Ihre Stimme war nur noch ein heiseres Krächzen. Sie schüttelte den Kopf, anfangs langsam, dann immer schneller, als könnte sie die Realität durch bloße Verweigerung auslöschen. „Das ist eine Fälschung! Eine verdammte, billige Fälschung! Mein Sohn hätte das niemals getan. Er war schwach, ja, aber er kannte seinen Platz in der Hierarchie dieser Familie!“
Dr. Weber ließ sich von ihrem Ausbruch nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen. Er schob seine Hornbrille mit dem Zeigefinger ein Stück höher auf die Nase und blickte sie über den Tisch hinweg kalt an.
„Dies ist eine notarielle Originalurkunde, Frau Von Seybold“, entgegnete der Jurist mit der eisigen Gelassenheit eines Mannes, der die unumstößliche Macht des Gesetzes hinter sich wusste. Er tippte mit seinem silbernen Taschenmesser auf die letzte Seite des Dokuments. „Die Unterschrift ist zweifelsfrei die Ihres Sohnes. Daneben befindet sich die Unterschrift von Dr. Heinrich von Richtenstein, sowie das offizielle Amts- und Prägesiegel. Die Urkunde ist lückenlos dokumentiert. Sie wurde vor zwanzig Jahren als Blanko-Nachtrag in das Notariatsregister aufgenommen und am 14. August dieses Jahres von Lukas von Seybold persönlich aktiviert und spezifisch ausformuliert.“
„Das ist juristisch unhaltbar!“, schrie Eleonore auf. Die Panik begann nun, ihre Wut zu überdecken. Sie trat einen Schritt vor, der Gehstock knallte hart auf den Boden. „Ein Testament muss beim Nachlassgericht eröffnet werden! Ich hätte das längst anfechten können! Sie können nicht einfach mit einem alten Zettel aus einem Blumentopf auftauchen und meine Firma stehlen!“
„Es handelt sich hierbei eben nicht um ein Testament im erbrechtlichen Sinne, Frau Von Seybold“, belehrte Dr. Weber sie mit spitzer Präzision. Er genoss es sichtlich, die juristische Falle zuschnappen zu lassen. „Lukas war exzellent beraten. Hätte er ein klassisches Testament verfasst, hätten Sie als Pflichtteilsberechtigte sofort Einspruch erhoben, die Konten der Firma eingefroren und Claras Leben durch jahrelange Zivilprozesse ruiniert. Genau das wollte Ihr Sohn verhindern. Deshalb hat er das Gesellschaftsrecht gewählt.“
Dr. Weber hob das Papier an, sodass das Licht der Arbeitslampe auf das Wasserzeichen fiel. „Dies ist ein bindender Gesellschafterbeschluss der Von Seybold GmbH & Co. KG. Als Inhaber von fünfundfünfzig Prozent der Anteile hatte Lukas die absolute Stimmenmehrheit. Er hat gemäß Paragraph 7 der Statuten, den Sie selbst einst diktiert haben, sein Nachfolgerecht auf sein leibliches Kind übertragen. Und da ein ungeborener Erbe rechtlich nicht handlungsfähig ist, hat er für die Zeit bis zur Volljährigkeit einen Treuhänder und Geschäftsführer bestimmt. Seine Ehefrau. Die Übergabe der Befugnisse trat automatisch und ohne Notwendigkeit einer Testamentseröffnung in der Sekunde seines Todes in Kraft.“
Eleonores Mund stand offen. Sie rang nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Das… das bedeutet…“
„Das bedeutet“, schnitt Dr. Weber ihr das Wort ab, und seine Stimme war laut genug, um jeden Winkel der Werkstatt zu erreichen, „dass Sie, Frau Von Seybold, seit drei Monaten nicht mehr die Geschäftsführerin dieser Manufaktur sind. Sie sind lediglich eine Minderheitsgesellschafterin mit fünfundvierzig Prozent der Anteile. Sie haben hier keine Weisungsbefugnis. Sie haben kein Recht, Personal einzustellen oder zu entlassen. Und Sie haben ganz gewiss nicht das Recht, die amtierende Geschäftsführerin von einem privaten Sicherheitsdienst abführen und in eine psychiatrische Einrichtung einweisen zu lassen.“
Die Stille nach dieser Erklärung war so gewaltig, dass das leise Knistern einer auskühlenden Lampe an der Decke wie ein Donnerschlag klang.
Der Buchhalter Schmidt, der bis dahin stumm hinter Eleonore gestanden hatte, ließ unauffällig sein Mobiltelefon in die Tasche gleiten und trat zwei sehr bewusste Schritte von der alten Matriarchin weg. Die Sicherheitsmänner Müller und Brandt tauschten einen raschen, alarmierten Blick. Sie hatten vor wenigen Minuten beinahe die wahre Chefin des Unternehmens entführt. Der Schweiß stand Müller auf der Stirn.
„Nein!“, brüllte Eleonore plötzlich. Es war ein unmenschlicher, animalischer Laut, der völlig im Kontrast zu ihrer sonst so gepflegten Erscheinung stand.
Ihre jahrzehntelange absolute Kontrolle brach in sich zusammen. Sie verlor völlig den Verstand. Mit einer unkontrollierten Bewegung stürzte sie sich auf den Marmortisch. Sie ließ ihren Gehstock fallen, der scheppernd auf den Steinboden krachte. Mit beiden Händen, die vor Gier und Hass zu Krallen geformt waren, griff sie über den Tisch nach der vergilbten Pergamentrolle.
„Ich vernichte das! Ich reiße es in tausend Stücke!“, schrie sie hysterisch.
Doch sie kam nicht weit.
„Zurücktreten!“, donnerte Meister Hoffmann. Der alte Töpfer hatte sich blitzschnell aufgerichtet. Mit seinen breiten, muskulösen Schultern schob er sich direkt zwischen den Tisch und Eleonore.
Sie prallte gegen seine lederne Arbeitsschürze wie gegen eine Betonwand. Hoffmann packte sie nicht an, aber er stand unverrückbar da.
„Aus dem Weg, Sie nichtsnutziger Dreckskerl!“, kreischte Eleonore und schlug mit ihren geballten Fäusten gegen Hoffmanns Brust. „Ich bin Eleonore von Seybold! Das ist mein Haus!“
„Das war einmal, Eleonore“, sagte Hoffmann leise. Er benutzte zum ersten Mal in zweiunddreißig Jahren ihren Vornamen. In seiner Stimme lag kein Zorn, sondern nur tiefes, unendliches Mitleid für eine Frau, die gerade jeden Rest von Würde verlor. „Es ist vorbei.“
Hinter Hoffmann setzte sich eine Bewegung in Gang. Das leise Schlurfen von Schuhen auf dem staubigen Boden. Die elf anderen Angestellten der Werkstatt – die Gesellen, die Auszubildenden, die Handwerker – traten vor. Sie bildeten einen dichten, stummen Halbkreis hinter Meister Hoffmann. Eine menschliche Mauer aus ledernen Schürzen, tonverschmierten Händen und grimmigen, entschlossenen Gesichtern. Sie schützten den Marmortisch. Sie schützten den Notar. Und vor allem schützten sie Clara.
Eleonore sah auf. Sie blickte in die Gesichter der Menschen, die sie jahrelang terrorisiert, erpresst und klein gehalten hatte. Niemand wich ihrem Blick aus. Niemand senkte mehr den Kopf. Die Angst war gebrochen.
Sie taumelte einen Schritt zurück, schnappte nach Luft und strich sich fahrig über die makellose Frisur, aus der sich eine Strähne gelöst hatte.
Dr. Weber hatte die Urkunde in der Zwischenzeit ruhig in eine schützende Klarsichtfolie geschoben. Er räusperte sich.
„Frau Von Seybold“, sagte er, und der eisige Tonfall war nun einer fast schon bürokratischen Monotonie gewichen. „Es gibt da noch einen weiteren, sehr unangenehmen Punkt, den wir klären müssen. Da Sie die Rechtslage nun kennen, muss ich Sie auf die Konsequenzen Ihrer heutigen Handlungen aufmerksam machen.“
„Konsequenzen?“, zischte sie, noch immer schwer atmend. „Ich bin immer noch Mitbesitzerin dieses Unternehmens! Sie können mir gar nichts! Ich werde diese Firma in den Ruin klagen, bevor ich sie dieser kleinen Töpferin überlasse. Meine Anwälte werden jede ihrer Entscheidungen blockieren. Ich werde mein Geschäftsführer-Ruhegehalt von vierzigtausend Euro im Monat beziehen, und sie wird dafür arbeiten müssen!“
„Das bezweifle ich stark“, erwiderte Dr. Weber ruhig. Er beugte sich über den Rand des Tisches und deutete mit seinem Stift auf den Boden. Genau dorthin, wo die Überreste der wunderschönen, blauen Vase lagen.
„Sehen Sie diese Scherben, Frau Von Seybold?“, fragte er.
Eleonore blickte verwirrt nach unten. „Was ist mit diesem Müll? Das war nur eines ihrer wertlosen Projekte.“
„Falsch“, sagte Dr. Weber und zog ein weiteres Papier aus seinem Aktenkoffer. Es war die Inventarliste, die er vor dem Vorfall bearbeitet hatte. „Laut meinen offiziellen, notariell geprüften Bestandsaufnahmen handelt es sich bei dieser Vase um den Prototyp ‚Königsblau A-1‘. Den letzten, offiziellen Entwurf Ihres verstorbenen Sohnes Lukas. Der geschätzte Marktwert als historisches Unikat der Manufaktur belief sich auf mindestens einhundertfünfzigtausend Euro.“
Eleonore blinzelte. „Was faseln Sie da? Das ist lächerlich.“
„Das ist ein offizielles Wertgutachten“, korrigierte Weber. „Und Sie, Frau Von Seybold, haben soeben, vor den Augen von vierzehn unabhängigen Zeugen, dieses wertvolle Anlagevermögen der Gesellschaft mutwillig und in voller Absicht zerstört.“
Dr. Weber schob seine Brille wieder zurecht. „Der Gesellschaftervertrag – denselben Vertrag, auf den Sie sich immer so gerne berufen – enthält unter Paragraph 12 eine sehr deutliche Klausel bezüglich der sogenannten ‚Grob pflichtwidrigen Schädigung des Betriebsvermögens‘. Wer vorsätzlich Firmeneigentum zerstört oder den Betriebsfrieden durch Gewalttaten massiv stört, unterliegt dem sofortigen Ausschluss aus der Gesellschaft aus wichtigem Grund.“
Die Bedeutung dieser Worte sickerte langsam in Eleonores Gehirn. Ihre Knie begannen zu zittern.
„Sie haben Clara körperlich angegriffen“, fuhr Dr. Weber unerbittlich fort. „Sie haben einen sechsstelligen Vermögenswert der Firma zertrümmert. Und Sie haben versucht, die rechtmäßige Geschäftsführerin entführen zu lassen. Damit haben Sie, Frau Von Seybold, heute Morgen nicht nur Ihre eigene fristlose Kündigung unterschrieben. Sie haben sich selbst aus dem Unternehmen ausgeschlossen. Ihre Anteile werden gemäß den Statuten zwangsweise eingezogen und an die Mehrheitsgesellschafterin übertragen. Ihr Anspruch auf das monatliche Geschäftsführer-Ruhegehalt verfällt aufgrund des schweren Pflichtverstoßes ersatzlos und mit sofortiger Wirkung.“
„Nein…“, flüsterte Eleonore. Ihre Stimme brach. Die Arroganz war vollständig aus ihren Augen verschwunden. Dort war nur noch bodenloser, abgrundtiefer Terror. „Sie können mich nicht ruinieren… Ich habe mein ganzes Leben für diesen Namen gegeben…“
„Sie haben den Namen ruiniert. Nicht ich“, stellte Dr. Weber sachlich fest. Er klappte seinen Aktenkoffer zu. „Sie besitzen hier nichts mehr. Sie haben keine Rechte mehr in diesem Gebäude. Sie sind nun eine betriebsfremde Person, die unbefugt Hausfriedensbruch begeht.“
Eleonore wandte sich verzweifelt um. Sie suchte nach einem Verbündeten, nach irgendjemandem, der ihr noch gehorchte. Ihr Blick fiel auf den Buchhalter. „Schmidt! Rufen Sie meine Anwälte an! Sofort!“
Der Buchhalter sah sie kühl an. Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Ich bin Angestellter der Manufaktur Von Seybold, Madam. Meine Anweisungen erhalte ich ab sofort nur noch von der Geschäftsführung.“ Er verbeugte sich leicht in Richtung von Clara.
Eleonore drehte sich schnaufend zu den beiden Wachmännern um. „Müller! Brandt! Ihr werdet von mir bezahlt! Packt diese Leute! Werft sie raus! Alle miteinander!“
Müller und Brandt rührten sich nicht. Sie standen stramm, die Hände an den Koppelgürteln.
In diesem Moment bewegte sich Clara.
Mit der Hilfe von Meister Hoffmann hatte sie sich langsam aufgerichtet. Ihre Beine zitterten noch leicht, und sie hielt das weiße, blutbefleckte Leinentuch fest gegen ihre Schulter gepresst. Ihr Kittel war staubig und zerknittert, ihr Haar hing ihr in Strähnen ins Gesicht. Sie sah aus, als hätte sie einen Krieg überlebt. Und das hatte sie.
Sie ließ Hoffmanns Arm los und trat einen Schritt vor, direkt ins Zentrum der Werkstatt. Sie stand aufrecht. Ihr Blick war so klar und unerschütterlich wie geschliffener Diamant. Sie war nicht länger die geduldete Schwiegertochter, die sich in den Schatten drückte. Sie war die Mutter des Erben. Sie war die Chefin.
„Herr Müller“, sagte Clara. Ihre Stimme war leise, aber sie trug eine ruhige, natürliche Autorität in sich, die Eleonore trotz all ihres Schreiens niemals besessen hatte.
„Ja, Frau… Frau Direktorin?“, antwortete Müller. Er räusperte sich nervös und richtete sich noch gerader auf.
„Das Dokument von Frau Von Seybold zur medizinischen Betreuung war ungültig. Dr. Weber hat das zweifelsfrei festgestellt.“ Clara sah Eleonore direkt in die Augen. „Aber es gibt etwas anderes, das gültig ist. Mein Hausrecht.“
Clara hob die rechte Hand und wies auf die großen Eichendopperltüren.
„Frau Eleonore von Seybold hat ab sofort Hausverbot in allen Gebäuden, Produktionsstätten und Büros der Manufaktur“, ordnete Clara mit fester Stimme an. „Sie wird das Grundstück auf der Stelle verlassen. Begleiten Sie sie hinaus zum Tor. Und Herr Müller?“
„Ja, Madam?“
„Sorgen Sie dafür, dass sie nichts mitnimmt. Keine Akten, keine Schlüssel. Nur ihre Handtasche.“
Eleonore starrte Clara an, als sähe sie ein Gespenst. Der Hass in ihr bäumte sich noch einmal auf. Sie riss den Mund auf, um eine weitere Beleidigung auszuspucken, doch Müller und Brandt waren bereits neben ihr.
Diesmal gab es kein Zögern. Die beiden breitschultrigen Männer griffen entschlossen zu. Müller packte Eleonores rechten Arm, Brandt den linken.
„Lassen Sie mich los!“, kreischte Eleonore auf. Sie wehrte sich, trat wild um sich, verlor dabei fast ihren teuren Kaschmirmantel. „Ihr dreckigen Hunde! Ich vernichte euch! Ich werde diese ganze Stadt kaufen und euch auf die Straße werfen!“
Ihre Schreie hallten durch die Werkstatt, doch sie bewirkten nichts mehr. Sie waren nur noch das ohnmächtige Toben einer besiegten Frau. Müller und Brandt zerrten die ehemalige Matriarchin in Richtung der Ausgangstüren. Eleonore stolperte, ihre teuren Lederschuhe rutschten auf dem staubigen Boden.
Ihr silberner Gehstock, das Symbol ihrer unbarmherzigen Herrschaft, blieb achtlos auf dem Steinboden liegen. Niemand hob ihn für sie auf.
Die schweren Eichentüren wurden aufgestoßen. Der kalte Wind strömte herein. Die Sicherheitsmänner schoben die wütend um sich schlagende Frau hinaus in den grauen Vormittag.
Dann zog Brandt die Türen von innen zu. Ein schweres Klong des Schlosses hallte durch den Raum.
Die Schreie waren schlagartig abgeschnitten.
In der Manufaktur kehrte eine tiefe, fast heilige Stille ein. Es war vorbei. Das dunkle Kapitel der Von Seybolds war geschlossen.
Dr. Weber nahm seine Lesebrille ab, faltete sie zusammen und steckte sie in die Brusttasche. Er packte die in Folie gesicherte Urkunde sorgfältig in seinen Aktenkoffer und schloss die metallenen Riegel. Er trat um den Tisch herum und blieb vor Clara stehen.
Er neigte leicht den Kopf. „Frau Direktorin. Die notarielle Ummeldung im Handelsregister werde ich noch heute Nachmittag veranlassen. Die Firmenkonten werden bis zur Klärung der Zugriffsrechte durch die Bank gesichert. Sie haben nun die alleinige Verfügungsgewalt. Wenn Sie mich entschuldigen würden, ich habe einige sehr dringende Telefonate mit dem Nachlassgericht zu führen.“
„Danke, Dr. Weber“, flüsterte Clara. „Für alles.“
Der Notar erlaubte sich ein winziges, fast unsichtbares Lächeln. „Ich bin nur ein Diener des Gesetzes, Madam. Ihr Mann war derjenige, der den Weg geebnet hat. Ich wünsche Ihnen eine ruhige Restschwangerschaft.“ Er nickte Meister Hoffmann zu, nahm seinen Koffer und verließ die Werkstatt durch den Seiteneingang.
Clara stand inmitten der Scherben ihrer zerstörten Vase. Der weiße Staub bedeckte ihre Schuhe. Sie spürte den Schmerz in ihrer Schulter, aber er fühlte sich jetzt anders an. Wie der Muskelkater nach einem gewonnenen, unmöglichen Kampf. Sie legte beide Hände schützend auf ihren runden Bauch. Das Baby bewegte sich leicht. Ein kleiner, sanfter Tritt gegen ihre Handfläche.
Sie schloss die Augen und lächelte unter Tränen.
Meister Hoffmann trat langsam an sie heran. Die anderen Gesellen folgten ihm, bis alle in einem respektvollen Halbkreis um sie versammelt waren. Der alte Mann blickte auf die blauen Scherben am Boden, dann hinüber zu dem verlorenen Gehstock der Matriarchin. Schließlich sah er Clara an. Er verbeugte sich tief und aufrichtig.
„Was sollen wir tun, Frau Direktorin?“, fragte Meister Hoffmann, und seine Stimme war erfüllt von einem Respekt, der nicht aus Angst geboren war, sondern aus Bewunderung.
Clara öffnete die Augen. Sie blickte auf ihre treuen Mitarbeiter, dann auf den großen Marmortisch, wo bald schon der nächste Ton geknetet werden würde. Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab und straffte die Schultern.
„Wir kehren die Scherben auf, Meister Hoffmann“, sagte Clara mit fester, warmer Stimme. „Und dann machen wir weiter. Es gibt viel zu tun.“